Hyperfiction en perfection

Frankophone digitale Literatur - La littérature numérique francophone

Ein ausgesprochen spannendes Gebiet innerhalb der Literaturwissenschaft eröffnet das Zusammenspiel von Literatur und neuen Medien, insb. Internet und CD-ROM.

Das künstlerische Schaffen bemächtigt sich eines jeden (neuen) Mediums und eignet sich seine jeweilige Spezifik literarisch-ästhetisch zu neuen Kunstformen an.

So ist das Buch zum Inbegriff für Printliteratur par excellence geworden, das Radio hat das Hörspiel hervorgebracht, beim Film steht gleich das Medium für den Gattungsbegriff, und die elektronischen Medien als historisch letztes Glied der Mediengeschichte sind noch im Begriff, neue Literaturformen hervorzubringen.

Diesen Wandel, dieses Entstehen nicht aus der historischen Distanz, sondern annähernd synchron zu beobachten, ist ein Privileg dieses Moments.

Für die deutsche Literaturszene finden sich einschlägige Informationen insb. in der Mailingliste Netzliteratur und in dem bemerkenswerten NetZine dichtung-digital von Roberto Simanowski; die amerikanische Szene digitaler Literatur und Hyperfiction erschließt man sich am besten anhand des Stichworts "Hyperfiction" über Suchmaschine. Die Pionierwerke finden sich hier bei Eastgate, das zugleich die Erstellungssoftware und die damit erzeugten Werke vertreibt.

Für den französischsprachigen Raum ergibt sich, wie in mancher anderen Hinsicht, eine exception française: Einerseits war Frankreich mit Minitel seiner Zeit deutlich voraus und machte damit bereits in den 80er Jahren z.B. eine Art e-Commerce breitflächig nutzbar, andererseits behinderte gerade Minitel später die Erschließung des Internet. In der Folge fand der digitale Fortschritt in Frankreich im Vergleich zu anderen Ländern zeitverzögert statt, was sich u.a. bis heute auswirkt: Wo sich der interessierte Leser im Internet, gewissermaßen dem natürlichen Medium dieser Literaturform/-gattung, problemlos und ausführlich über deutsche oder us-amerikanische/englischsprachige digitale Literatur informieren kann, gestaltet sich die Informationssuche nach frankophoner digitaler Literatur unverhältnismäßig schwieriger. Im Artikel "Numériquement littéraire..." vom 09.06.2005 in Le Monde etwa werden genau fünf Werke digitaler literarischer Produktion aufgezählt, davon gerade mal zwei auf französisch.

Diese Dokumentationslücke versucht die vorliegende, kurz kommentierte Linkographie zu schließen, die aus intensiver Such- und Recherchearbeit sowie dem Glückstreffer der Serendipity, des heureux hasard, erwachsen ist. Kriterien für die Aufnahme in diese Liste sind die medialtypisch ästhetische Erschließung des neuen Mediums und eine gewisse Literaturnähe; da sich im digitalen Medium alle Einzelmedien und Zeicheninventare integrieren lassen, sind die Übergänge von text- zu bildbasierten Werken fließend, und auch die digitale Literatur kann sich im Einzelnen des Einflusses etwa von Computerspielen (z.B. adventure games) nicht letztlich entziehen.

Selbstverständlich erhebt diese Liste keinen Anspruch auf Vollständigkeit; wenn Sie weitere Anregungen oder Diskussionsbeiträge haben, freue ich mich auf Ihre Nachricht: e-crivez-moi[at]sylvestris.de

Linkographie

Locus Solus (1996)

http://hypermedia.univ-paris8.fr/bibliotheque/LOCUS_SOLUS/start.htm

Eine dem Buchmedium eng verhaftete Hyperfiction-Inkunabel: Die "version hypertextualisée" des 1923 erschienenen Romans Locus Solus von Raymond Roussel.

Vaisseaux brûlés

http://perso.wanadoo.fr/renaud.camus/vaisseaux/1.html

Ein "hyperlivre", die ausführlich annotierte, verzweigende Hypertext-Edition zu Renaud Camus, Petites Annonces, POL, 1997.

Robin Hunzinger: Le Vademecum (1998)

http://www.ressources.org (zuletzt: 22.01.2002)

Leider aus dem Netz verschwunden!

François Debyser: La Pyramide truquée. Roman d’arcades initiatique (Hypertext; Frankreich 1997/98).

http://hypermedia.univ-paris8.fr/jean/fiction/pyramide/01.htm

Fiction arborescente, ursprünglich für Minitel konzipiert, nach dem Schema eines „livre dont vous êtes le héros“, dem Solo-Abenteuer für Rollenspieler.

Eine fantastische Geschichte auf der Suche nach dem „secret de la narratologie des pharaons“.

Alain Salvatore: Ecran Total. Fiction hypertextuelle (Hypertext, Multimedia; Frankreich 1997).

http://membres.lycos.fr/ecrantot/

„Fiction hypertextuelle“, die sich mit dem Untertitel „un récit dont vous ne sauriez prétendre être le héros“, von den recht einfachen Rollenspieltexten der verzweigenden Literatur distanziert. Anhand von Datenresten auf einer alten Floppy-Diskette werden die Abenteuer des fernseh-hassenden, terroristischen Professors Raffaele Palerno bruchstückhaft rekonstruiert.

Jean-François Verreault: Le Nœud. Hyperfiction (Hypertext; Kanada 2001).

http://www.total.net/~amnesie/

Diese im französischen Umfeld als einzige so genannte „Hyperfiction“ ist ein „essai littéraire profitant à fond des capacités d'organisation et de recoupement de l'hypertexte“. Sie setzt Prinzipien des Hypertextes konsequent in ein ästhetisches Konzept um und erzeugt eine Internetsimulation im Kleinen.

Anne-Cécile Brandenbourger: Apparitions inquiétantes (Hypertext, Multimedia; Belgien 2000).

http://www.anacoluthe.com/bulles/apparitions/jump.html

Ein so genannter „cyber-polar“, eine umfangreiche und reichhaltige Hypertext-Collage aus Bildern, Animationen und Textsplittern.

Veränderte Versionen erschienen im Januar 2000 als „livre numérique“ (Editions 00h00) und im August 2000 als Papierversion unter dem Titel La Malédiction du parasol (Editions Florent Massot).

Fred Romano: Edward_Amiga. Un hyperoman de Fred Romano en français et JavaScript (Hypertext, JavaScript; Frankreich 1999).

http://leo.worldonline.es/federica/edam/

Der „hyperoman“ ist ein kurzes, aber sehr dichtes Werk, das seine ästhetische Differenz aus einem ausgeklügelten Einsatz von JavaScript zieht.

Lucie de Boutiny: NON_roman multimédia (Hypertext, Multimedia; Frankreich 1997-2000).

http://www.synesthesie.com/boutiny/

„Synesthésie“ ist die Leitlinie dieses mit zahlreichen Animationen und Multimedia aufwartenden „roman hypermédia“. Dem User-Leser eröffnet sich eine knallig bunte Pop-Welt, mittels derer die Werbung, das Fernsehen und das eigene Medium Internet, z.B. in Form von Chat-Rooms, parodiert wird.

Jean-Paul: Les Cotres furtifs (Hypertext, Flash; Frankreich 2004).

http://www.cotres.net/

Aufwändige, palimpsestartige Inszenierung mit unsichtbarem Text.

Jean-Pierre Balpe: Trajectoires (Textgenerator, Hypertext, Multimedia; Frankreich 2000).

http://trajectoires.univ-paris8.fr/

„Roman policier interactif et génératif“: Texte werden in Echtzeit aus Programm-Algorithmen generiert, das Werk damit vollends flüchtig und immateriell.

Jean-Pierre Balpe et al.: Fictions (Frankreich, 2004).

http://fiction.maisonpop.com

Jean de la Coste: Mélusine

http://www.melusine-transgraphe.asso.fr/

Lyrik, nennenswert hier insbesondere das Permutations-Gedicht „La Ville“.

François Coulon: 20 % d’amour en plus, Kaona, 1996 (CD-ROM).
ders.: Pause, Kaona, 2002 (CD-ROM).

„fictions interactives“: gekennzeichnet durch eine ausgeprägte visuell-direktmanipulative Ausprägung, wird auch wie ein Computerspiel auf CD-ROM vertrieben.

Philippe Castellin, Jean Torregrosa: DOCKS (seit 1996)

http://www.sitec.fr/users/akenatondocks/

Lyrik: „Poésie concrète / sonore / visuelle“ und „actions animées par ordinateur“. Reiches Archiv auf der Website.

Philippe Bootz: alire (seit 1986)

http://motsvoir.free.fr/alire_tout.htm

Lyrik: Das älteste multimediale, rein digital erscheinende Lyrik-Magazin, „la revue sur CDROM de po√©sie actuelle, anim√©e et interactive“.

Eigene Arbeiten

Elisabeth Bauer: „Die Lust am Fehler: Deautomatisierung in der frankophonen digitalen Literatur“, in: Jörg Dünne, Dietrich Scholler, Thomas Stöber (eds.): Internet und digitale Medien in der Romanistik: Theorie - Ästhetik - Praxis, PhiN Beiheft 2, 2004, S. 162-183.

Seite zuletzt aktualisiert: 10.05.06